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Decoding the Flow

26/10/2026

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Flow bei der Arbeit: Was der Körper über Wissensarbeit verrät

Im Sport lässt sich Leistung messen. Die Zeit über 1.500 Meter, die Wattzahl am Berg, der Puls in der Erholung. Bei der Wissensarbeit fehlt ein solcher Maßstab. Gleichzeitig steigen die Anforderungen, und viele Menschen arbeiten weiter, obwohl ihr Kopf längst nicht mehr mitkommt. Lässt sich erkennen, welche Art von Arbeit einem Menschen heute guttut und welche er besser verschiebt?

Über diese Frage sprach Gastgeber Uli Funke mit Dr. Heinz Gotzig, Physiker und Expertise Director bei Valeo. Er arbeitet seit rund dreißig Jahren an Fahrerassistenz und autonomem Fahren, war viele Jahre Leistungssportler und überträgt heute, was der Sport über Belastung und Erholung weiß, auf die Arbeit mit dem Kopf. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Gründungsversammlung von EUPONS, einer europäischen Initiative für positive Neurowissenschaften.

Eine Besonderheit vorweg: Heinz Gotzig hat kein fertiges Ergebnis vorgestellt. Er hat ein Forschungsprojekt gezeigt, das gerade begonnen hat. Die ersten Daten werden seit Juli 2026 aufgezeichnet, angelegt ist die Arbeit auf drei Jahre. Uli Funke nannte es an diesem Abend die Geburtsstunde einer Studie.

Audiozusammenfassung von NotebookLM | KI-generierter Inhalt

Mehr Anforderungen, weniger Blickfeld

Den Ausgangspunkt bildet ein Gedanke des Managementdenkers Peter F. Drucker. Im 20. Jahrhundert waren die Nationen erfolgreich, die Industriearbeit immer weiter verbessert haben. Heute sind es die Organisationen, die die Leistung von Wissensarbeit verbessern. Genau das sieht Heinz Gotzig als seine Aufgabe, seit er bei Valeo das weltweite Expertennetzwerk betreut.

Dem steht ein gegenläufiger Trend entgegen: der wachsende Stress. Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt, dass kognitive Leistung bei zu wenig Anspannung leidet und bei zu viel ebenfalls. In den Gesprächen mit seinen Experten beobachtet er, dass viele immer weiter in den Bereich der Überlastung rutschen. Unter Stress wird das Blickfeld enger, es entsteht ein Tunnelblick. Zur gleichen Zeit wird die Welt komplexer, und wer eine gute Lösung finden will, muss mehr Dinge im Blick behalten.

Dazu kommt ein leiseres Problem. Viele haben das Gefühl verloren, Dinge positiv verändern zu können. Heinz Gotzig spricht von erlernter Hilflosigkeit: Man probiert immer wieder etwas aus und scheitert immer wieder. Ein Rezept dagegen ist für ihn die Frage, wo es sich lohnt, Energie zu investieren, und wo man Dinge laufen lassen muss, weil die eigene Energie begrenzt ist.

Was der Leistungssport längst macht

Im Leistungssport ist es üblich, das Training an den Zustand anzupassen. Eine wichtige Grundlage dafür ist die Herzratenvariabilität, also die Schwankung der Abstände zwischen zwei Herzschlägen. Ein Trainer, der seinem Athleten eine Höchstbelastung verordnet, ohne zu fragen, was der heute verkraften kann, wäre ein schlechter Trainer. In der Wissensarbeit fragt das kaum jemand.

Auch die Regeneration nimmt der Sport ernster. Wir dagegen gehen von einem Meeting ins nächste, werden ständig unterbrochen und arbeiten weiter, obwohl die Leistungsfähigkeit sinkt. Irgendwann kippt es, sagt Heinz Gotzig, und dann ist es eigentlich zu spät. Das rechtzeitig zu erkennen, ist eine der Aufgaben, für die er den digitalen Zwilling baut.

Der dritte Gedanke aus dem Sport betrifft die Unterschiede zwischen Menschen. In der Leichtathletik gibt es Sprinter, Mittelstreckenläufer und Marathonläufer, alle mit völlig verschiedener Muskulatur. Niemand erwartet, dass einer alles kann.

»Der Marathonläufer mit seinen 50 kg, der wird niemals 100 m in 10 Sekunden laufen, aber da wird so was akzeptiert. Und wir verlieren, wenn wir die Menschen gleich behandeln, die Produktivität.«

Daraus folgt sein Leitsatz, die Stärken zu stärken. Er hat ihn auch an sich selbst erfahren. Über zehn Jahre war er im Management tätig und hat es ordentlich gemacht, ein guter Projektmanager, der alles sauber nachhält, ist er nach eigenem Urteil nie gewesen. In seiner heutigen Rolle sei er glücklicher und für die Firma wertvoller.

Zwei Arten von Flow

Flow gilt als der erstrebenswerte Zustand schlechthin. Heinz Gotzig widerspricht dem nicht, er unterscheidet aber. In der einen Art von Flow entstehen Ideen. In der anderen wird geprüft, etwa bei einem Code Review, bei dem jemand fremden Programmcode Zeile für Zeile auf Fehler durchsieht. Beide Tätigkeiten stellen ganz andere Anforderungen.

»Es macht keinen Sinn, ein Code Review zu machen, wenn meine Reserve schon relativ weit unten ist.«

Wer trotzdem weitermacht, produziert Fehler, die am nächsten Tag jemand wieder aufarbeiten muss. Davon hat niemand etwas. Für die Unterscheidung arbeitet das Projekt mit zwei Größen. Die Aktivierung beschreibt, wie sehr eine Aufgabe einen Menschen interessiert und antreibt. Die Reserve beschreibt, wie viel Energie er gerade hat. Brennt jemand für ein Thema, kann auch eine niedrigere Reserve noch reichen. Bei einer Aufgabe, für die er weniger geeignet ist, wäre eine Pause dann die bessere Wahl.

Dahinter stehen zwei Fragen. Was passt grundsätzlich zu mir, also welche Stärken, Interessen und Aufgaben? Und was passt heute zu mir, je nachdem, wie ich geschlafen habe, ob ich krank bin oder ob mich zu Hause etwas beschäftigt? Die erste Frage lässt sich nur über lange Beobachtung beantworten, die zweite über den Vergleich der heutigen Werte mit dem eigenen Normalzustand.

Erste Eindrücke hat Heinz Gotzig an sich selbst gesammelt, mit Brustgurt beim Lesen, Meditieren, Musikhören, beim Sport und bei kognitiver Arbeit. Ihn hat überrascht, wie deutlich die kognitive Arbeit im Flow vorne lag: Dort war seine Energiereserve am höchsten. Teilweise stieg sogar der Wert auf seiner Sportuhr, wenn er komplexe Aufgaben gemeinsam mit einer KI löste. Das sind Beobachtungen an einer einzigen Person, keine Studienergebnisse.

Wie der digitale Zwilling arbeiten soll

Aus der Industrie kennt man digitale Zwillinge als Abbild von Maschinen, bei denen sich viele Parameter messen lassen. Der Human Digital Twin ist ein persönliches Modell eines einzelnen Menschen. Das Projekt arbeitet idiographisch, also auf die Person bezogen, weil jeder Mensch eine eigene Ruheherzfrequenz und eine eigene durchschnittliche Herzratenvariabilität hat. Aussagekräftig ist die Abweichung vom persönlichen Mittel.

Gemessen wird im Alltag mit einem Brustgurt, der ein Einkanal-EKG aufzeichnet. Aus den Rohdaten werden Störungen herausgerechnet und Merkmale aus der Form des Signals gewonnen. Dass Herz und Gehirn über den Vagusnerv verbunden sind, ist bekannt. Wie viel Information über den Zustand eines Menschen sich aus diesem einen Kanal tatsächlich ziehen lässt, ist offen. Deshalb arbeitet das Projekt mit Vergleichsmessungen: einem 12-Kanal-EKG in Zusammenarbeit mit einer Kardiologie und künftig einem EEG. Beide liefern mehr Information, taugen aber nicht für den Alltag. Ein EEG beim Autofahren, sagt Heinz Gotzig, wird definitiv nicht funktionieren.

Zu jeder Messung gibt man kurz an, was man gerade tut, wie man sich fühlt und wie anstrengend es ist. Mehr als zwanzig Sekunden darf das nicht dauern, sonst macht es niemand. Daraus entstehen Empfehlungen, keine Anweisungen: fünf Minuten Box-Atmung, ein Gang um den Block, ein Kaffee mit dem Kollegen, mit dem man sich gut versteht. Ist die Datenlage an einem Tag zu dünn, sagt das System genau das und gibt keine Empfehlung.

»Der Mensch entscheidet. Mach ich's, mach ich's nicht.«

Den Grund für diese Zurückhaltung nennt er ausdrücklich: Bei so persönlichen Daten zerstört eine einzige schlechte Empfehlung das Vertrauen, das vorher aufgebaut wurde.

Wo das Projekt steht

Auf Uli Funkes Frage, wie lange man den Gurt tragen müsse, bis der Zwilling genug weiß, antwortete Heinz Gotzig ohne Umschweife: Das wissen wir noch nicht. Erste Simulationen gibt es, allerdings mit synthetischen, also künstlich erzeugten Daten: 120 simulierte Personen über je zwölf Arbeitstage. Darin gibt das System in 63 Prozent der Fälle eine Empfehlung ab, von den ausgegebenen Empfehlungen sind 4 Prozent falsch. Eine unabhängige zweite Umsetzung kam auf 59 und 7,8 Prozent. Über die Aussagekraft der Herzsignale oder die Wirkung der Empfehlungen sagt das noch nichts. Das Ziel ist eine Fehlerrate deutlich unter einem Prozent.

Ebenso wichtig wie die Zahl ist für ihn die Erklärung jedes einzelnen Fehlers. Aus dem autonomen Fahren weiß er, dass Menschen eine Fehlentscheidung eher akzeptieren, wenn sie verstehen, warum sie passiert ist. An der Auswertung arbeiten Doktorandinnen und Doktoranden, unter anderem in Zusammenarbeit mit der University of Limerick in Irland.

Das Projekt sucht weitere freiwillige Probandinnen und Probanden. Wer mitmachen oder mehr erfahren möchte, erreicht Heinz Gotzig über sein LinkedIn-Profil.

Wem die Daten gehören

Ein Messgerät, das Stress und Energie erfasst, weckt sofort die Frage, wer die Werte zu sehen bekommt. Heinz Gotzigs Antwort ist eindeutig: Die Daten gehören dem einzelnen Menschen, nicht der Firma. Anonymisieren reicht dafür nicht. Die Daten werden pseudonymisiert und verschlüsselt und liegen nicht auf einem zentralen Rechner, auf den die IT zugreifen könnte. Jedes Messgerät hat eine Kennung, die nur die Person kennt, die es trägt. An Vorgesetzte gehen grundsätzlich keine Aussagen. Mitmachen ist freiwillig.

»Es geht nicht darum, dass wir Menschen an ungesunde Arbeitsbedingungen anpassen.«

Eine Technologie, die hilft, schlechte Bedingungen länger auszuhalten, will er ausdrücklich nicht bauen. Er beschreibt die eigene Haltung als wissenschaftlich demütig, weil heute niemand sagen kann, wo die Grenzen des Erreichbaren liegen. Was der Zwilling im Alltag leisten könnte, zeigt ein Beispiel aus dem Gespräch: Wer im Büro fünf Minuten Atemübung vorschlägt, wird oft belächelt. Wer zeigen kann, dass der eigene Stresswert danach sinkt, hat ein anderes Gewicht in der Diskussion.

Aus der Fragerunde

Eine Teilnehmerin aus der Sportwissenschaft fragte, ob zwischen Belastung und Beanspruchung unterschieden werde, also zwischen der Aufgabe und dem, wie anstrengend jemand sie erlebt. Genau dafür ist die Selbstauskunft da. Was den einen stresst, stresst die andere noch lange nicht, und die subjektive Einschätzung wird über längere Zeit mit den Messwerten verglichen. Ob sich so der Bereich finden lässt, in dem jemand gerade richtig gefordert ist, ist das Ziel. Wie genau das gelingt, konnte Heinz Gotzig noch nicht sagen.

Auf die Frage, ob man auch bei Tätigkeiten in den Flow kommt, die man nicht als sinnvoll erlebt, hatte er keine Antwort. Er selbst kommt nur in den Flow, wenn ihn etwas interessiert. Eine Teilnehmerin kennt das Gegenteil: Sie kommt beim Autofahren auf freier Autobahn in den Flow, ganz ohne tieferen Sinn. Für Musik sieht Heinz Gotzig bei sich Tendenzen, aber nicht immer einen Unterschied. Eine Kollegin von ihm nutzt bestimmte Musik, um schneller in den Fokus zu kommen. Bei ihm selbst wirkt das Radfahren.

Was ist ein Human Digital Twin?

Ein Human Digital Twin ist ein persönlicher digitaler Zwilling, der aus Körpersignalen wie dem EKG ein individuelles Modell eines Menschen baut. Er soll erkennen, wie viel Energie jemand gerade hat und welche Art von Arbeit dazu passt.
Im Projekt von Dr. Heinz Gotzig steht er am Anfang: Die Daten werden seit Juli 2026 aufgezeichnet, die Validierung steht noch aus.

Was ist die Herzratenvariabilität?

Die Herzratenvariabilität, kurz HRV, beschreibt die Schwankung der Zeitabstände zwischen zwei Herzschlägen. Im Leistungssport wird sie genutzt, um das Training an den Zustand der Athletin oder des Athleten anzupassen.
Weil jeder Mensch eine eigene Ruheherzfrequenz und eine eigene durchschnittliche HRV hat, zählt die Abweichung vom persönlichen Mittel.

Was besagt das Yerkes-Dodson-Gesetz?

Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen Anspannung und Leistungsfähigkeit: Bei zu wenig Anspannung leidet die Leistung, bei zu viel ebenfalls, dazwischen liegt der leistungsfähige Bereich.
Heinz Gotzig beobachtet in Gesprächen mit Experten, dass viele Wissensarbeiter immer weiter in den Bereich der Überlastung rutschen.

Braucht jede Aufgabe Flow?

Nein. Heinz Gotzig unterscheidet zwei Arten von Flow: den, in dem Ideen entstehen, und den, in dem geprüft wird, etwa bei einem Code Review.
Prüfende Arbeit verlangt eine ausreichende Energiereserve, sonst steigt die Fehlergefahr und die Arbeit muss wiederholt werden.

Was ist der Unterschied zwischen Aktivierung und Reserve?

Aktivierung beschreibt, wie sehr eine Aufgabe einen Menschen interessiert und antreibt. Reserve beschreibt, wie viel Energie er gerade zur Verfügung hat.
Bei hoher Aktivierung kann auch eine niedrigere Reserve noch reichen, bei einer ungeliebten Aufgabe ist dann eher eine Pause angebracht.

Wem gehören die Daten eines digitalen Zwillings?

Im Projekt von Heinz Gotzig gehören die Daten dem einzelnen Menschen, nicht der Firma. Sie werden pseudonymisiert und verschlüsselt, Aussagen an Vorgesetzte gehen grundsätzlich nicht heraus.
Die Teilnahme ist freiwillig.

Take-aways dieses Akademietreffens

  • Zwei Fragen gehören zusammen: Was passt grundsätzlich zu mir, und was passt heute zu mir?
  • Flow ist kein Universalziel: Ideen entwickeln und Fehler finden brauchen verschiedene Zustände.
  • Prüfende Arbeit gehört in Phasen mit Reserve: Wer müde prüft, prüft am nächsten Tag noch einmal.
  • Regeneration ist Teil der Leistung: Im Sport ist das Standard, in der Wissensarbeit fehlt sie meist.
  • Stärken stärken schlägt Gleichbehandlung: Ein Marathonläufer wird kein Sprinter.
  • Daten über einen Menschen gehören diesem Menschen: Ohne Freiwilligkeit und Schutz vor dem Zugriff des Arbeitgebers trägt keine Messung.

5 impacts of leadership. Vieles, was an diesem Abend zur Sprache kam, betrifft die Dimension Lernen & Selbstregulation: die Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen und die Arbeit danach auszurichten. Wenn du wissen möchtest, wo du in deiner Führungswirkung stehst, bei dieser Dimension und vier weiteren, dann ist der 5iol-Test der schnellste Weg dorthin. Er dauert wenige Minuten und liefert dir ein persönliches Wirkungsprofil. Den Zugang bekommst du über die Warteliste.

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