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Achtsamkeit in der Bildung

27/03/2026

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Eine neue Kultur des Lernens: wie Achtsamkeit und Nachhaltigkeit das Bildungssystem verändern

Achtsamkeit wird oft als bloße Methode zur individuellen Stressbewältigung missverstanden, doch ihr eigentliches Potenzial liegt in der systemischen Veränderung. In einer Zeit, in der Bildungseinrichtungen unter massivem Druck stehen, eröffnet die bewusste Schulung der Aufmerksamkeit neue Wege für gesellschaftliche Verantwortung und ökologisches Handeln.

Im Gespräch mit Gastgeber Uli Funke, Akademieleiter der A|F|A|N (Akademie für angewandte Neurowissenschaft), gab Susanne Krämer Einblick in dieses Feld. Sie ist Projektleiterin des Projekts »Achtsamkeit in der Bildungs- und Hochschulkultur (ABiK)« der Universität Leipzig, Diplom-Schauspielerin, erfahrene MBSR- und Tai-Chi-Lehrerin sowie Autorin des Standardwerks »Wache Schule. Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz«. Seit 2021 leitet sie das ABiK-Projekt, eine Kooperation mit der AOK Plus und dem Landesamt für Schule und Bildung. Wer die wissenschaftlichen Hintergründe vertiefen möchte, findet auf der Konferenzseite zu ABiK weitere Informationen.

Audiozusammenfassung von NotebookLM | KI-generierter Inhalt

Die kranke Bildungslandschaft: was die Daten zeigen

Die aktuellen Statistiken zur mentalen Gesundheit im Bildungssektor machen das Ausmaß des systemischen Problems greifbar. 21 Prozent der Schüler zeigen psychische Auffälligkeiten. Bei den Lehrkräften leiden 34 Prozent unter mehrmaliger Erschöpfung pro Woche. Im akademischen Bereich verschärft sich die Lage: 44 Prozent der Studierenden sind durch Stress erschöpft, und 50 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeitenden fühlen sich emotional ausgebrannt. Diese Werte sind Symptome einer Gesellschaft der Beschleunigung, die den Menschen aus dem Blick verloren hat.

»Müsste es nicht dazugehören, dass sich Studierende Fragen nach ethischer Ausrichtung stellen, dass sie Werkzeuge in die Hand bekommen, in dieser Gesellschaft resilient zu sein und wirklich Prioritäten zu setzen?«

Diese Erschöpfung ist mehr als ein individuelles Problem, sie gefährdet den gesellschaftlichen Auftrag der Hochschulen. Das sächsische Hochschulgesetz verpflichtet Universitäten ausdrücklich dazu, zur Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen und zur nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Wenn die Akteure im System durch eine Kultur der Überforderung nicht mehr regenerationsfähig sind, kann dieser Auftrag, die sogenannte Third Mission, nicht erfüllt werden.

MBSL: Achtsamkeit als Motor für Nachhaltigkeit

Das Konzept »Mindfulness Based Sustainable Living« (MBSL) verknüpft Achtsamkeit direkt mit globaler Verantwortung. Es geht nicht um Wellness für das Ego, sondern um die Kopplung von innerer Emotionsregulation und äußerem, pro-ökologischem Handeln. Im MBSL-Programm schulst du deine Aufmerksamkeit so, dass du die Verbundenheit mit der Mitwelt und der Natur tiefer erfährst.

»Achtsamkeit ist eine Kompetenz, mit der wir mehr auf die Welt schauen können und mit der wir unsere Wahrnehmung schärfen, auch für systemische Strukturen, und dann entscheiden können.«

Diese systemische Perspektive ist der entscheidende Faktor, um aus der individuellen Ohnmacht auszubrechen. Wer schwierige Emotionen wie Klimaangst oder Wut achtsam regulieren lernt, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück. Statt in Schockstarre oder Vermeidung zu verharren, ermöglicht MBSL das bewusste Anstoßen von Veränderung im eigenen Verhalten und macht den Beitrag des Einzelnen zum großen Ganzen sichtbar.

Vom Individuum zum System: der Whole Institution Approach

Das ABiK-Projekt verfolgt konsequent den »Whole Institution Approach«, um eine nachhaltige Kulturveränderung zu bewirken. Punktuelle Interventionen für Einzelpersonen reichen nicht aus. Stattdessen werden alle Ebenen einer Institution einbezogen: Verwaltung, Führungskräfte, Lehrende und Studierende. Allein an der Universität Leipzig wurden bereits rund 1.900 Studierende erreicht, über das Landesamt für Schule und Bildung wurde das Projekt in 71 Schulen umgesetzt. Das modulare System beginnt mit Basiskursen zur Selbsterfahrung, führt über Aufbaukurse zur didaktischen Vermittlung bis hin zu speziellen Zukunftswerkstätten.

»In der Zukunftswerkstatt wird das, was eher fürs Individuum war, auf das System ausgeweitet, um gemeinsam mit Schulleitungen, Schülern und Elternvertretern wirklich etwas auf der strukturellen Ebene zu bewirken.«

So verpufft Achtsamkeit nicht in der Vereinzelung. Über begleitende Alumniprogramme und Netzwerke bleibt der Impuls lebendig. In den Zukunftswerkstätten entscheiden Schulleitungen, Lehrkräfte und Elternvertreter gemeinsam, wie sich Strukturen hilfreicher gestalten lassen. So entsteht eine kollektive Verantwortung für die mentale Gesundheit und die nachhaltige Ausrichtung der Institution.

Evidenz statt Räucherstäbchen: was die Forschung sagt

Ein zentraler Pfeiler von Susanne Krämers Arbeit ist die wissenschaftliche Absicherung der Programme. In drei großangelegten Studien wurde die Wirksamkeit von MBSL mit einem Prä-Post-Kontrollgruppendesign untersucht. Die Ergebnisse belegen signifikante Fortschritte, besonders bei der Naturverbundenheit und dem pro-ökologischen Verhalten der Studierenden. Um subjektive Verzerrungen auszuschließen, bestätigten nahestehende Personen die Verhaltensänderungen in einer Fremdbefragung objektiv.

»Mittlerweile ist selbst den hartgesottensten Biologen klar, dass das wirklich mit Neurowissenschaft zu tun hat. Da gibt es Studien, wir sind nicht mehr auf dem Stand von vor zwanzig Jahren.«

Auch bei Lehrkräften zeigten die Daten deutliche Verbesserungen in der Emotionsregulation, der Lebenszufriedenheit und der interpersonellen Achtsamkeit, einer wichtigen Ressource etwa für belastende Elterngespräche. Dass umweltbewusstes Handeln durch innere Arbeit zunimmt, ist ein starkes Argument gerade für Skeptiker in harten Fachdisziplinen und im Management: Die Schulung der Wahrnehmung ist der Schlüssel, um Wissen in wirksames Handeln zu übersetzen.

Fragen und Antworten zu Achtsamkeit in der Bildung

Wie fördert Achtsamkeit nachhaltiges Handeln?

Achtsamkeit stärkt die Emotionsregulation und die Verbundenheit mit der Natur, was nachweislich zu einem pro-ökologischeren Verhalten im Alltag führt. Durch die Schulung der Wahrnehmung erkennst Du die systemischen Auswirkungen Deines Handelns klarer und kannst bewusstere Entscheidungen treffen, die im Einklang mit ökologischen Werten und globaler Verantwortung stehen.ffenheit, in dem Fragen, Bedenken und Fehler als wertvolle Lernchancen gesehen werden.

Was ist das Besondere am MBSL-Programm?

MBSL (Mindfulness Based Sustainable Living) erweitert die klassische Achtsamkeitspraxis um eine systemische Perspektive und thematisiert gezielt Krisen wie den Klimawandel. Das Programm hilft Dir, schwierige Emotionen wie Klimaangst zu regulieren und aus dem Vermeidungsverhalten in ein wirksames, prosoziales und umweltschützendes Handeln zu kommen.gang mit Fehlern, die Akzeptanz von Verschiedenheit und die Bereitschaft, schwierige Themen anzusprechen, um den Status-Quo zu ermitteln.

Warum ist Stress im Bildungswesen ein systemisches Problem?

Die alarmierenden Erschöpfungsraten von bis zu 50 Prozent bei Wissenschaftlern resultieren aus gesellschaftlicher Beschleunigung und mangelnden Resilienzfaktoren in der akademischen Ausbildung. Es handelt sich um ein strukturelles Defizit, das nur durch eine Veränderung der Bildungskultur und die Integration von Persönlichkeitsentwicklung behoben werden kann.

Was bewirkt der Whole Institution Approach in Schulen?

Dieser Ansatz integriert alle Akteure, von der Schulleitung bis zur Elternvertretung, in den Prozess der Kulturveränderung durch Formate wie Zukunftswerkstätten. Dadurch werden nicht nur individuelle Kompetenzen gestärkt, sondern auch verbindliche strukturelle Veränderungen beschlossen, die eine achtsame und nachhaltige Organisationskultur langfristig im System verankern.

Gibt es wissenschaftliche Beweise für die Wirkung von ABiK?

Ja, das Projekt wurde durch mehrere Studien im Prä-Post-Kontrollgruppendesign evaluiert, die signifikante Steigerungen bei der Lebenszufriedenheit und Naturverbundenheit belegen. Die positive Veränderung des pro-ökologischen Verhaltens wurde zudem durch Fremdberichte von nahestehenden Personen wissenschaftlich objektiviert und bestätigt, was die Robustheit der Ergebnisse unterstreicht.

Take-aways dieses Akademietreffens

  • Achtsamkeit ist eine Kernkompetenz für Resilienz in einer beschleunigten Gesellschaft, weit mehr als ein Wellness-Thema.
  • Das MBSL-Programm belegt wissenschaftlich, dass die Stärkung innerer Achtsamkeit direkt zu mehr ökologischem Engagement und Naturverbundenheit führt.
  • Die hohe Erschöpfung im Bildungssystem gefährdet den gesetzlichen Auftrag der Hochschulen und verlangt strukturelle Antworten.
  • Echte Veränderung gelingt nur über den Whole Institution Approach, der alle Hierarchieebenen gleichzeitig einbezieht.
  • Kontrollgruppenstudien und Fremdbefragungen machen Achtsamkeitsprogramme auch für Skeptiker in harten Fachdisziplinen anschlussfähig.
  • Die achtsame Regulation schwieriger Emotionen wie Klimaangst ist der Schlüssel, um vom Vermeiden ins aktive Gestalten zu kommen.

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